Kirchentonarten & Psalmtöne
Inhaltsverzeichnis
Klassische Kirchentonarten mit verschiedenen Stimmungen
Der Gregorianische Choral kennt acht Tonarten (mittlerweile sind vier neue Kirchentonarten hinzugekommen), die aufgrund ihrer Grundtöne unterschieden werden und jeweils eine eigene Stimmung vermitteln. Sie sind passend dem entsprechenden Anlass bzw. der geprägten Zeit im Kirchenjahr zugeordnet, dessen Inhalt sie tonal ausdrücken. Die folgenden acht Kirchentonarten bzw. Modi wurden nach griechischen Volksstämmen benannt, wobei sich jede gregorianische Melodie einem dieser acht diatonischen Modi zuordnen lässt (mit Ausnahme weniger Melodien → siehe Tonus peregrinus).
Die acht Kirchentonarten im Überblick – mit Hörbeispielen von YouTube zu den verschiedenen Modi der Psalm-Töne aus dem Liber Usualis (S. 113ff.):
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Tonart (Protus authenticus) – Modus: Dorisch → Stimmung: würdevoll, ernst, beweglich
➯ Hörbeispiel – Mode I a: Externer Link zu Videoportal ■ Hörbeispiel – Mode I a2: Externer Link zu Videoportal ■ Hörbeispiel – Mode I a3: Externer Link zu Videoportal ■ Hörbeispiel – Mode I D: Externer Link zu Videoportal ■ Hörbeispiel – Mode I D2: Externer Link zu Videoportal ■ Hörbeispiel – Mode I D (or): Externer Link zu Videoportal ■ Hörbeispiel – Mode I f: Externer Link zu Videoportal ■ Hörbeispiel – Mode I g: Externer Link zu Videoportal ■ Hörbeispiel – Mode I g2: Externer Link zu Videoportal ■ Hörbeispiel – Mode I g3: Externer Link zu Videoportal -
Tonart (Protus plagalis) – Modus: Hypodorisch → Stimmung: ernst, rau, düster, anmutig, feierlich
➯ Hörbeispiel – Mode II: Externer Link zu Videoportal -
Tonart (Deuterus authenticus) – Modus: Phrygisch → Stimmung: feurig, stürmisch, wohlklingend, klar
➯ Hörbeispiel – Mode III a: Externer Link zu Videoportal ■ Hörbeispiel – Mode III a2: Externer Link zu Videoportal ■ Hörbeispiel – Mode III b: Externer Link zu Videoportal ■ Hörbeispiel – Mode III g: Externer Link zu Videoportal ■ Hörbeispiel – Mode III g2: Externer Link zu Videoportal -
Tonart (Deuterus plagalis) – Modus: Hypophrygisch → Stimmung: einschmeichelnd, inniges Flehen, jubelnd
➯ Hörbeispiel – Mode IV altA: Externer Link zu Videoportal ■ Hörbeispiel – Mode IV altA*: Externer Link zu Videoportal ■ Hörbeispiel – Mode IV altc: Externer Link zu Videoportal ■ Hörbeispiel – Mode IV altd: Externer Link zu Videoportal ■ Hörbeispiel – Mode IV altD: Externer Link zu Videoportal ■ Hörbeispiel – Mode IV g: Externer Link zu Videoportal -
Tonart (Tritus authenticus) – Modus: Lydisch → Stimmung: frisch, belebend, anmutig, heiter, Trost spendend
➯ Hörbeispiel – Mode V: Externer Link zu Videoportal -
Tonart (Tritus plagalis) – Modus: Hypolydisch → Stimmung: verinnerlichend, kindlich, zur Einfachheit strebend
➯ Hörbeispiel – Mode VI: Externer Link zu Videoportal -
Tonart (Tetrardus authenticus) – Modus: Mixolydisch → Stimmung: hochstrebend und frohgemut
➯ Hörbeispiel – Mode VII a: Externer Link zu Videoportal ■ Hörbeispiel – Mode VII b: Externer Link zu Videoportal ■ Hörbeispiel – Mode VII c: Externer Link zu Videoportal ■ Hörbeispiel – Mode VII c2: Externer Link zu Videoportal ■ Hörbeispiel – Mode VII d: Externer Link zu Videoportal -
Tonart (Tetrardus plagalis) – Modus: Hypomixolydisch → Stimmung: Ausdruck von heiterer Ruhe des Gemüts
➯ Hörbeispiel – Mode VIII c: Externer Link zu Videoportal ■ Hörbeispiel – Mode VIII G: Externer Link zu Videoportal ■ Hörbeispiel – Mode VIII G*: Externer Link zu Videoportal -
(Tonus peregrinus (lat. für „fremder Ton“): Dieser Ton weicht von den acht Psalmtönen ab und wird auch als neunter Ton bzw. neunter Modus bezeichnet.)
➯ Hörbeispiel – Mode Peregrinus: Externer Link zu Videoportal
Das Charakteristische der acht Kirchentöne hinsichtlich ihrer Wirkung auf das Gemüt kommt in folgendem alten Spruch zum Ausdruck:
Omnibus est primus – Der erste eignet sich für Alle,
sed est alter tristibus aptus – der zweite aber nur für Traurige.
tertius iratus – Der dritte soll zornig,
quartus dicitur fieri blandus – der vierte schmeichelnd sein.
quintum da laetis – Den fünften reiche den Fröhlichen,
sextum pietate probatis – den sechsten den Frommen.
septimus est iuvenum – Der siebente ist ein Eigentum der Jugend,
sed postremus sapientium – der letzte der Weisen.
Hinweis! Es gilt außerdem beim Notenlesen die Alterationen bzw. Versetzungszeichen zu berücksichtigen: So zeigt das Zeichen B molle (♭) an, dass die nachfolgenden Töne um einen Halbton nach unten verschoben werden, wohingegen das Zeichen B durum (♮) die Notation B molle wieder aufhebt und sich die nachfolgenden Töne somit wieder um einen Halbton angehoben werden. Alternativ wird B molle am Ende eines Wortes oder mit dem nächsten Pausenstrich (| bzw. ||) aufgehoben. Siehe auch hier: Alterationen.
Unterschied zwischen authentischen und plagalen Tonarten
Bei den Tonarten wird zwischen authentischen sowie plagalen Tonarten (toni, modi) unterschieden. Vier authentischen Tonarten mit dem Schlusston (finalis) als Ausgangspunkt sind vier plagale Tonarten mit dem Schlusston als Zentrum zugeordnet, sodass jeweils zwei Tonarten, also eine authentische und eine plagale an einen Schlusston (1. und 2. Tonart an re, 3. und 4. an mi, 5. und 6. an fa sowie 7. und 8. an sol.) gebunden sind.
- 1. authentische Tonarten: Der herrschende Ton (Rezitationston, Dominante, Hauptton, Repercussa) liegt bei den authentischen (originalen) Tonarten immer eine Quinte über dem Schlusston (Finale bzw. Grundton), außer bei der 3. Tonart (hier wurde er nach do verschoben). Zu den authentischen Tonarten gehören die 1., 3., 5. und 7. Tonart. Hinsichtlich der melodischen Bewegung streben die authentischen Tonarten mehr der Höhe zu.
- 2. plagale Tonarten: Bei den plagalen (abgeleiteten) Tonarten liegt der herrschende Ton (Dominante) immer eine Terz über dem Schlusston (Finale bzw. Grundton), außer bei der 4. (hier wurde er nach la verschoben) und 8. Tonart (hier wurde er nach do verschoben). Tonumfang und Rezitationston liegen bei den plagalen Modi somit um eine Terz tiefer als bei den authentischen. Zu den plagalen Tonarten zählen die 2., 4., 6. und 8. Tonart. Hinsichtlich der melodischen Bewegung streben die plagalen Tonarten mehr in die Tiefe. Bei den griechischen Bezeichnungen sind die plagalen Tonarten am Präfix „Hypo-“ (zu deutsch „unter-“) erkennbar.
Was ist die Psalmodie?
Die Psalmodie bezeichnet das Singen der Psalmen, Cantica und anderen sakralen Texten (zumeist aus der Bibel) auf Basis der Psalmtöne, denen die Kirchentonarten zugrunde liegen. Die Psalmmelodie setzt sich aus den folgenden Bestandteilen zusammen:
Erklärung der einzelnen Kirchentonarten
In den folgenden Videos erklären die Klarissen aus Paderborn auf YouTube die acht klassischen Kirchentonarten:
Quellen:
- Johner, Dominicus: Neue Schule des Gregorianischen Choralgesanges; Regensburg ⁶1929, S. 22-30, 292-302.
- Klöckner, Stefan: Handbuch Gregorianik. Einführung in Geschichte und Praxis des Gregorianischen Chorals; Regensburg ⁴2018, S. 70ff.
- Scherrer, Anton: Abhandlung über Kirchenmusik im Allgemeinen und in ihren einzelnen Theilen ihrer Entstehung und Verbesserung bis auf unsere Zeiten; St. Pölten 1837, S. 82.
